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HIV in Deutschland

Geschätzt 90.700 Menschen waren Ende 2019 in Deutschland mit HIV infiziert, darunter 2.600 Neuinfektionen allein in diesem Jahr [1]. Ungeschützte sexuelle Kontakte sind der Hauptgrund für HIV-Infektionen. Besonders Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), gehören zur Risikogruppe (62 % der Neuinfektionen). Weitaus weniger Infektionen gehen auf heterosexuelle Kontakte (25 % der Neuinfektionen) und intravenösen Drogenkonsum (14 % der Neuinfektionen) zurück. Wahrscheinlich ist fast die Hälfte der HIV-Neuinfektionen auf Sexualkontakte mit frisch infizierten Personen zurückzuführen, die von ihrer Infektion noch nichts wissen [1]. Je früher eine HIV-Infektion diagnostiziert wird, desto früher können solche Infektionsketten durchbrochen werden.

Treatment as Prevention - Schutz durch Therapie

Bei der Bekämpfung von HIV-(Neu)Infektionen hat sich die „Schutz durch Therapie“-Strategie bewährt („Treatment as Prevention“ – kurz TasP). Deutschland ist den sogenannten „95-95-95“-Zielen der UNAIDS-Kampagne (95 % aller HIV-Infektionen entdeckt, 95 % davon behandelt und wiederum 95 % der behandelten Patienten avirämisch) bereits erheblich nähergekommen. Dennoch sind Präventionsmaßnahmen weiterhin von großer Bedeutung, um die Epidemie einzudämmen [2].

Präexpositionsprophylaxe (PrEP)

Die PrEP ist in Kombination mit weiteren Präventionsmaßnahmen (z. B. Safer-Sex-Praktiken wie die regelmäßige und korrekte Verwendung eines Kondoms) zugelassen. Dabei nehmen HIV-negative Personen, die einem erhöhten Risiko einer HIV-Infektion ausgesetzt sind, prophylaktisch antiretrovirale Substanzen ein. Als Komponente einer ganzheitlichen HIV-Präventionsstrategie hat die PrEP in mehreren Studien einen deutlichen protektiven Effekt demonstriert [3]. Auch UrologInnen, die bereits Praxiserfahrungen in der Versorgung von HIV-Patienten gesammelt und sich in diesem Feld weitergebildet haben, können die PrEP und die damit zusammenhängenden Leistungen verordnen. Auf diese Weise können UrologInnen einen wichtigen Beitrag zur Eindämmung von HIV leisten.

Fortbildungsmöglichkeiten bieten etwa die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (dagnä) oder die Deutsche AIDS-Gesellschaft (DAIG) an.

HIV-Screening in der urologischen Praxis

Häufig äußert sich eine HIV-Infektion in der Frühphase durch unspezifische, grippeähnliche Symptome sowie die Entwicklung eines Exanthems [4]. Erst im fortgeschrittenen Krankheitsstadium kommen Indikatorerkrankungen hinzu, die auf eine bereits länger zurückliegende HIV-Infektion hinweisen können [5, 6]. Vor allem bei PatientInnen, die sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten in der urologischen Praxis vorstellen, sollte eine HIV-Infektion in Betracht gezogen werden.

>> Weil ein Gespräch über sexuell übertragbare Erkrankungen nicht immer leicht fällt, hat unter anderem die Deutsche AIDS-Hilfe eine  Leitfaden entwickelt, der praxisnahe Tipps für das Arzt-Patienten-Gespräch gibt.

Zu den urologischen Indikatorkrankheiten, bei denen das Risiko einer bisher unentdeckten HIV-Infektion erhöht ist, gehören unter anderem [7]:

  • Lues/Syphilis
  • Herpes simplex-Infektion
  • Urogenitaltuberkulose
  • Condylomata acuminata (Feigwarzen, Genitalwarzen)

Gut zu wissen: In der Frühphase der akuten HIV-Infektion (2,5 Wochen nach einer Risikosituation) kann der HIV-Antikörper-Test negativ ausfallen. Eine zuverlässige Diagnose ist dann nur über die Messung der HIV-RNA möglich. 6 Wochen nach potenziellem Erstkontakt mit dem Virus gilt ein negatives HIV-Antikörper-Testergebnis als sicher (Ausschluss einer Infektion) [8].

Linkage to care - was geschieht nach der Diagnose?

Bestätigt sich der Verdacht auf HIV, ist es sinnvoll, den Patienten unmittelbar an ein HIV-Schwerpunktzentrum zu überweisen, damit möglichst rasch eine antiretrovirale Therapie (ART) eingeleitet werden kann. Je kürzer die therapeutische Latenz, desto größer sind die Chancen, dass ein Immundefekt verhindert und einer weiteren Verbreitung des Virus entgegengewirkt werden kann.

In diesem Zusammenhang vermeldet das Robert-Koch-Institut positive Zahlen: Nach Daten aus dem Jahr 2019 erhalten mittlerweile 97 % der in Deutschland positiv auf HIV getesteten Menschen eine ART [1].

Urologische Aspekte bei der Versorgung von HIV-positiven Patienten

Durch moderne Therapien treten bei HIV-positiven Menschen seltener urologische Krankheitsbilder wie chronisch rezidivierende und therapierefraktäre Herpes-Infektionen, Urogenitaltuberkulose oder eine (iatrogene) Nephrolithiasis auf als unter älteren HIV-Therapien. Die Lebenserwartung von HIV-positiven Menschen, deren Viruslast durch eine Therapie dauerhaft supprimiert wird, ist heutzutage vergleichbar mit der der Allgemeinbevölkerung. Dadurch kommen jedoch typische Erkrankungen älterer Patienten wie das Prostatakarzinom mittlerweile öfter bei HIV-Infizierten vor. Das Risiko eines Prostatakarzinoms ist bei einer HIV-Infektion allerdings nicht erhöht [9]. Hodenkarzinome treten bei Menschen, die mit HIV leben, hingegen zwei- bis fünffach häufiger auf [10]. Auch das Risiko eines Peniskarzinom ist hier wahrscheinlich erhöht [11]. Die Behandlung dieser onkologischen Erkrankungen sollte in gemeinsamer Absprache zwischen Urologie, Onkologie und HIV-Schwerpunktzentren erfolgen.

Gut zu wissen: Positiv auf HIV getestete PatientInnen unter erfolgreicher Therapie benötigen bei einem Vorstellungstermin keine „Sonderbehandlung“. Spezielle Hygienemaßnahmen oder Schutzvorkehrungen sind nicht erforderlich, da die Viruslast unter laufender ART in der Regel so niedrig ist, dass eine Ansteckung nahezu ausgeschlossen werden kann. [12, 13]

 

[1] RKI. Schätzung der Zahl der HIV-Neuinfektionen im Jahr 2019 und der Gesamtzahl von Menschen, die Ende 2019 mit HIV in Deutschland leben. Epidemiologisches Bulletin 2020; 48: 2–16.

[2] UNAIDS. Understanding Fast-Track. Accelerating Action to End the AIDS Epidemic by 2030. 2015. https://www.unaids.org/sites/default/files/media_asset/201506_JC2743_Understanding_FastTrack_en.pdf, abgerufen am 11.11.2021.

[3] Spinner C et al. HIV medicine 2019; 20: 368-376.

[4] Vaillant AAJ et al. StatPearls [Internet] 2020.

[5] Eurotest. HIV indicator conditions: Guidance for implementing HIV testing in adults in health care settings. 2012. http://www.eurotest.org/HIV-Indicator-Conditions, abgerufen am: 10.11.2021.

[6] Raben D et al. PloS one 2019; 14: e0220108.

[7] Søgaard OS et al. PloS one 2012; 7: e32538.

[8] Stellungnahme der Gemeinsamen Diagnostikkommission der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung von Viruskrankheiten e. V. (DVV e. V.) und der Gesellschaft für Virologie e. V. (GfV e. V.). Nachweis einer Infektion mit Humanem Immundefizienzvirus (HIV): Serologisches Screening mit nachfolgender Bestätigungsdiagnostik durch Antikörper-basierte Testsysteme und/oder durch HIV-Nukleinsäure-Nachweis. https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/HIVAids/FAQ_05.html,  abgerufen am: 16.11.2021.

[9] Sun D et al. Prostate Cancer and Prostatic Diseases 2021; 24: 24-34.

[10] Goedert JJ et al. Cancer Epidemiology and Prevention Biomarkers 2007; 16: 1266-1269.

[11] Thomas A et al. Nat Rev Dis Primers 2021; 7: 11.

[12] Cohen MS et al. New England Journal of Medicine 2016; 375: 830-839.

[13] Rodger AJ et al. The Lancet 2019; 393: 2428-2438.