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Die frühe Diagnose einer HIV-Infektion hat gleich zwei positive Effekte: Einerseits können dadurch die schwerwiegenden Spätfolgen der Erkrankung AIDS verhindert werden. Darüber hinaus trägt ein erfolgreiches Screening auch dazu bei, die HIV-Epidemie einzudämmen. Das Ziel der Vereinten Nationen, das globale HIV-Infektionsgeschehen im Rahmen der UNAIDS-Kampagne bis zum Jahr 2030 zu beenden, rückt aber nur dann in greifbare Nähe, wenn zeitnah die sogenannten „95-95-95“-Maßnahmen umgesetzt werden [1]. Diese zielen darauf ab, dass

  • 95 % der Infizierten ihren HIV-Status kennen,
  • 95 % der diagnostizierten Menschen eine antiretrovirale Therapie (ART) erhalten und
  • bei 95 % der behandelten Patienten die Viruslast unterhalb der Nachweisgrenze liegt.

Daten des Robert-Koch-Instituts legen nahe, dass diese Ziele in Deutschland noch nicht vollständig erreicht sind. Schätzungsweise leben hierzulande rund 10.800 Menschen mit einer unbekannten HIV-Infektion, was einem mutmaßlichen Anteil von 12 % an der HIV-positiven Bevölkerung entspricht [2].

Frauen sind eine unterschätzte Risikogruppe

Im Zusammenhang mit HIV-Risikogruppen denken viele Menschen zuerst an Drogenkonsumenten oder an Männer, die Sex mit Männern haben. Frauen sind dagegen in der öffentlichen Wahrnehmung eine unterschätzte Risikogruppe, obwohl sie weltweit mehr als die Hälfte aller Menschen, die mit HIV leben, ausmachen [3].

Oft lassen sich Risikokonstellationen, in denen ein HIV-Test indiziert ist, nur durch gezieltes Nachfragen aufdecken. Bei der Aufklärung über sexuell übertragbare Erkrankungen haben Fachärzte für Frauenheilkunde einen Vorteil auf ihrer Seite: Da das Thema Sexualität aus der Gynäkologie ohnehin nicht wegzudenken ist, bestehen hier optimale Rahmenbedingungen für ein aufklärendes Gespräch über HIV. Dieses sollte in einer vertrauensvollen Atmosphäre auch Fragen zu schambehafteten, intimen Themen wie dem Sexualleben, sexuellen Praktiken und genutzten HIV-Präventionsmaßnahmen umfassen.

>> Weil ein Gespräch über Sexualität nicht immer leicht fällt, hat unter anderem die Deutsche AIDS-Hilfe einen Leitfaden entwickelt, der praxisnahe Tipps für das Arzt-Patienten-Gespräch gibt.

Wer sollte einen HIV-Test erhalten?

Ein HIV-Test sollte in den folgenden Fällen in Betracht gezogen werden [4]:

  • Bei wechselnden Sexualpartnern (oder Partnern mit wechselnden Sexualpartnern)
  • Bei Patientinnen aus Ländern mit hoher HIV-Prävalenz
  • Bei Patientinnen mit bisexuellen Partnern
  • Bei intravenösem Drogengebrauch (früher oder aktuell)
  • Bei vorliegender Diagnose einer sexuell übertragbaren Erkrankung
  • In der Schwangerschaft (hier sollte der Test obligatorisch angeboten werden).

Klinisch kann eine HIV-Infektion in der Frühphase mit zahlreichen unspezifischen Symptomen imponieren. Häufig äußert sich die Infektion durch Fieber, Lymphknotenschwellungen, grippeähnliche Symptome sowie die Entwicklung eines Exanthems [5]. Erst im fortgeschrittenen Krankheitsstadium kommen Indikatorerkrankungen hinzu, die auf eine bereits länger zurückliegende HIV-Infektion hinweisen können. Im gynäkologischen Kontext sind hier Zervix- und Analkarzinome, sexuell übertragbare Erkrankungen, genitale Ulzera und zervikale Dysplasie hervorzuheben [6]. Auch aus diesem Grund sollten HIV-positive Patientinnen an regelmäßigen gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen.

„Linkage to care“ – was geschieht nach der Diagnose?

Bestätigt sich der Verdacht auf HIV, sollte die Patientin unmittelbar an ein HIV-Schwerpunktzentrum vermittelt werden, damit möglichst rasch eine ART eingeleitet werden kann. Je kürzer die therapeutische Latenz, desto größer sind die Chancen, dass ein Immundefekt verhindert und einer weiteren Verbreitung des Virus entgegengewirkt werden kann.

In diesem Zusammenhang vermeldet das Robert-Koch-Institut positive Zahlen: Nach Daten aus dem Jahr 2019 erhalten mittlerweile 97 % der in Deutschland positiv auf HIV getesteten Menschen eine ART [2].

Gut zu wissen: Positiv auf HIV getestete Patientinnen unter erfolgreicher Therapie benötigen bei einem Vorstellungstermin keine „Sonderbehandlung“. Spezielle Hygienemaßnahmen oder Schutzvorkehrungen sind nicht erforderlich, da die Viruslast unter laufender ART in der Regel so niedrig ist, dass eine Ansteckung nahezu ausgeschlossen werden kann [7, 8].

 

[1] UNAIDS. Understanding Fast-Track. Accelerating Action to End the AIDS Epidemic by 2030. 2015. Verfügbar unter https://www.unaids.org/sites/default/files/media_asset/201506_JC2743_Understanding_FastTrack_en.pdf, abgerufen am: 03.11.2021.

[2] RKI. Schätzung der Zahl der HIV-Neuinfektionen im Jahr 2019 und der Gesamtzahl von Menschen, die Ende 2019 mit HIV in Deutschland leben. Epid Bull 2020; 48: 2–16.

[3] UNAIDS. 20.1 million girls and women living with HIV. Verfügbar unter https://www.unaids.org/en/resources/infographics/girls-and-women-living-with-HIV, abgerufen am: 03.11.2021.

[4] Deutsche Aidshilfe. HIV früh erkennen in der gynäkologischen Praxis. 2019. Verfügbar unter https://www.aidshilfe.de/shop/hiv-fruh-erkennen-gynakologischen-praxis, abgerufen am: 03.11.2021

[5] Vaillant AAJ & Gulick PG. HIV Disease Current Practice. [Updated 2020 Dec 30]. In: StatPearls. Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2021 Jan-. Verfügbar unter https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK534860/, abgerufen am 11.03.2021.

[6] Raben D et al. Improving the evidence for indicator condition guided HIV testing in Europe: Results from the HIDES II Study - 2012 - 2015. PLoS One 2019; 14: e0220108.

[7] Cohen MS et al. Antiretroviral Therapy for the Prevention of HIV-1 Transmission. N Engl J Med 2016; 375:830–839.

[8] Rodger AJ et al. Risk of HIV transmission through condomless sex in serodifferent gay couples with the HIV-positive partner taking suppressive antiretroviral therapy (PARTNER): final results of a multicentre, prospective, observational study. Lancet 2019; 393: 2428–2438.