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Wie Pneumokokken das Immunsystem austricksen können

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Hospitalisierung, Behinderung und Tod können die schwerwiegenden Folgen von Erkrankungen sein, die durch eine Pneumokokken-Infektion verursacht werden. [1] Wie Pneumokokken das Immunsystem austricksen können und was ein bestimmter Pneumokokken-Serotyp damit zu tun hat, lesen Sie hier.
Basiswissen: Das kleine 1x1 der Pneumokokken-Infektion
Pneumokokken werden durch Tröpfcheninfektion übertragen und besiedeln den Nasenrachenraum, ohne dabei Symptome zu verursachen. Das bedeutsamste Erregerreservoir für Pneumokokken sind Kleinkinder mit asymptomatischer Besiedelung des Nasenrachenraums. Breiten sich Pneumokokken jedoch lokal aus, kann dies zur Entstehung von Krankheiten des oberen (z. B. Sinusitis, Mittelohrentzündung) und unteren Respirationstraktes (z. B. Pneumonie) führen. Diese können sogar tödlich enden: Schätzungen zufolge sterben in Deutschland jährlich 5.162 Menschen in der Altersgruppe ab 60 Jahren z. B. an Pneumokokken-Pneumonien. Zu den besonders schwerwiegenden Folgen einer Pneumokokken-Infektion zählen invasive Pneumokokken-Erkrankungen (IPD; z. B. Bakteriämien und Meningitiden). [2,3]
Auf das Äußere kommt es an!
Ein entscheidender Faktor für die Virulenz des Pneumokokken-Erregers Streptococcus (S.) pneumoniae ist die Polysaccharid-Kapsel, die das Bakterium umgibt. Diese kann u. a. ein „Festhängen“ des Pneumokokken-Erregers im Mucus verhindern, das Bakterium durch Bindung von Wasser vor Austrocknung schützen und als Energiereserve dienen. Außerdem kann die Kapsel das Bakterium vor einer Komplement-vermittelten Opsonisierung schützen sowie vor einer Immunzell-vermittelten Phagozytose. [4]
Mittlerweile sind 100 biochemisch und serologisch verschiedene Kapseltypen für S. pneumoniae bekannt. Etwa 20-30 davon können opportunistische Infektionen beim Menschen verursachen. Als problematisch sticht hier der Pneumokokken-Serotyp 3 heraus. [4]
Wo ist das Problem?

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Der Pneumokokken-Serotyp 3 ist einer der häufigsten Isolate bei Erwachsenen mit IPD. Er wird auch oft bei Erwachsenen mit Pneumonie, Sepsis oder Empyem/Pleuritis beobachtet. Zudem ist der Pneumokokken-Serotyp 3 mit einer erhöhten Mortalitätsrate assoziiert. [5] Doch warum ist das so?
Verglichen mit anderen pathogenen Pneumokokken-Serotypen zeigt Serotyp 3 gleich mehrere biologische Besonderheiten. [6] Pneumokokken-Serotyp 3 ist stärker verkapselt als andere Serotypen und tendiert zur Ausbildung von Mukoid-Kolonien. Diese Eigenschaften tragen zur hohen Virulenz von Serotyp 3 bei, da sie den Pneumokokken-Erreger vor Phagozytose schützen, seine Opsonisierung verhindern und dem Bakterium dabei helfen können, den sogenannten „Neutrophile Extracellular Traps" (NET, neutrophiläre extrazelluläre Fallen) zu entgehen. [5]
Vertrackt: Wie sich Serotyp 3 bereits gebundener Antikörper entledigen kann
Durch einen Trick kann der Pneumokokken-Serotyp 3 den Kapselantikörpern des Immunsystems entwischen. Die Bakterienkapsel von Serotyp 3 ist nicht kovalent verbunden mit der Bakterienoberfläche. Dadurch ist es dem Pneumokokken-Erreger möglich, große Teile seiner Kapsel in das extrazelluläre Milieu abzustoßen. Die Kapsel-Antikörper binden an die abgeworfene Kapselteile, wodurch seine Fähigkeit zur Opsonierung des eigentlichen Bakteriums neutralisiert wird. Möglicherweise kann auf diese Weise auch Antikörper, der bereits an der Bakterienoberfläche gebunden hat, wieder freigesetzt werden. [4]
Steigende Tendenz: Zunahme von Serotyp 3 bei Kindern unter zwei Jahren
In Deutschland scheint der Pneumokokken-Serotyp 3 mittlerweile auch bei Kindern in der Altersgruppe < 2 Jahren auf dem Vormarsch zu sein. Eine Auswertung von Pneumoweb-Surveillance Daten für den Zeitraum zwischen 2011 und 2018 ergab, dass die Zahl der berichteten IPD-Fälle bei Kindern in der Altersgruppe unter zwei Jahren nach der Einführung der Pneumokokken-Impfung stark gesunken ist und seitdem konstant gering geblieben ist. Allerdings kam es zeitgleich zu einer Verschiebung der Serotypenverteilung. In der Altersgruppe 60+ wurde in 21 % der berichteten IPD-Fälle der Pneumokokken-Serotyp 3 detektiert. Auch bei den < 2-Jährigen mit IPD wurde Serotyp 3 beobachtet: [7]
- 47,7 % der Fälle bei ungeimpften Kindern (n = 21/44),
- 18,2 % der Fälle bei geimpften Kindern (n = 8/44),
- 11,4 % der Fälle bei unvollständig geimpften Kindern (n = 5/44)
- 22,7 % der Fälle bei Kindern mit unklarem Impfstatus (n = 10/44)
Hätten Sie’s gewusst?
Bei älteren Kindern war der Anteil derer, die trotz Grundimmunisierung eine Pneumokokken-Serotyp 3-assoziierte IPD entwickelten, erhöht. Hier liegt der Verdacht nahe, dass der direkte Impfschutz weniger effektiv sein könnte, was zu mehr geimpften Kindern führt, die als ältere Kinder Serotyp 3-bedingte IPDs bekommen. [7]
Wer sollte besonders geschützt werden?
Das Risiko für eine schwer verlaufende Pneumokokken-Erkrankung ist u. a. altersabhängig. ]8] Besonders gefährdet für invasive Pneumokokken-Erkrankungen sind Kinder unter zwei Jahren, Erwachsene in der Altersgruppe 60+ sowie bestimmte Risikogruppen. Zu letzteren zählen u. a. Menschen mit chronischen Krankheiten des Herzens oder der Lunge, einem behandlungsbedürftigen Diabetes mellitus, bestimmten neurologischen Erkrankungen, Immundefizienz, unter immunsuppressiver Therapie sowie solche mit einem Cochlea-Implantat oder einer Liquor-Fistel. [9]
In Bezug auf invasive Pneumokokken-Erkrankungen wurde eine erhöhte Inzidenz bei Kindern in den ersten beiden Lebensjahren sowie älteren Menschen beobachtet. [2,3]

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Noch mehr zur Pneumokokken-Impfung:
Für Personengruppen, auf die bestimmte Risikofaktoren für schwere Pneumokokken-Erkrankungen zutreffen, empfiehlt die STIKO Indikationsimpfungen gegen Pneumokokken. [1] Welche Personen zur Risikogruppe gehören und wie sie gegen Pneumokokken geimpft werden, erfahren Sie hier.
- Robert Koch-Institut (RKI). Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2022. Epid Bull 2022;4:3-66. DOI: 10.25646/9285.
- Robert Koch-Institut (RKI). Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI. Stand: September 2016. Epid Bull 2016;37:385-406.
- Robert Koch-Institut (RKI). Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am RKI. Stand: September 2016. Epid Bull 2016;36:351-384.
- Luck JN et al. Sugar-Coated Killer: Serotype 3 Pneumococcal Disease. Front Cell Infect Microbiol. 2020;10:613287. DOI: 10.3389/fcimb.2020.613287.
- Sugimoto N et al. Invasive pneumococcal disease caused by mucoid serotype 3 Streptococcus pneumoniae: a case report and literature review. BMC Res Notes. 2017;10(1):21. DOI: 10.1186/s13104-016-2353-3.
- Lapidot R et al. Characteristics of Serotype 3 Invasive Pneumococcal Disease before and after Universal Childhood Immunization with PCV13 in Massachusetts. Pathogens. 2020;9(5):396. DOI: 10.3390/pathogens9050396.
- van der Linden M et al. Limited indirect effects of an infant pneumococcal vaccination program in an aging population. PLoS One. 2019;14(8):e0220453. DOI: 10.1371/journal.pone.0220453.
- Robert Koch-Institut (RKI). Schutzimpfung gegen Pneumokokken: Häufig gestellte Fragen und Antworten. https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/Impfen/Pneumokokken/FAQ-Liste_Pneumokokken_Impfen.html [eingesehen am 24.06.2022]. Stand: 23.06.2020.
- Robert Koch-Institut (RKI). Impfquoten bei Erwachsenen in Deutschland, STIKO: Bestätigung der Pneumokokken-Impfempfehlung. Epid Bull 2020;47:3-30.
DE-NON-03618 07/22