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Keine Kinderkrankheit: Poliomyelitis
Nicht nur Kinder, auch Erwachsene können an Poliomyelitis (= Polio) erkranken. [1] Meist verläuft die Infektion asymptomatisch. [2] Was passiert jedoch bei einer Virämie und welche Bedeutung hat die Poliomyelitis-Impfung?
Poliomyelitis: Kein Kinkerlitzchen
Kommt es zur Virämie, können Polioviren das zentrale Nervensystem besiedeln [3] und innerhalb von Stunden zu einer Plegie führen [4]. Etwa 1 von 200 Poliovirus-Infektionen führt zu einer irreversiblen Lähmung (meist der Beine), 5–10 % der Betroffenen versterben an einer Lähmung der Atemmuskulatur. [4] Noch Jahrzehnte nach der Erkrankung kann es zur Zunahme der Paresen mit Muskelatrophie kommen (Postpolio-Syndrom). [2] Bislang gibt es keine kausale Behandlung. Die wichtigste Präventionsmaßnahme ist die Polio-Schutzimpfung. [1]
Schon gewusst?
Die WHO verfolgt seit 1988 das Ziel, Polio durch Impfprävention weltweit auszurotten. Die globale Zahl der Wildvirusfälle sank von 1988 – 2021 von ca. 350.000 Fällen in über 125 endemischen Ländern auf 6 Fälle. Bis heute konnten weltweit fast 20 Mio. Menschen durch die Poliomyelitis-Impfung vor einer Lähmung und ca. 1,5 Mio. Kinder (durch gleichzeitige Gabe von Vitamin A während der Impfung) vor dem Tod bewahrt werden. [4] Orale Polio-Impfstoffe (OPV) haben maßgeblich zum globalen Fallrückgang um > 99 % seit 1988 beigetragen. Aktuell zirkuliert nur noch der Poliowildviren Typ 1 (WPV1); WPV2 gilt seit 2015 als eradiziert, WPV3 seit 2019. [1]
Orale Polioimpfstoffe: Wo Licht ist, da ist auch Schatten
Nach OPV-Impfung können Menschen die Impfviren wochenlang in großen Mengen ausscheiden, bei Immundefizienz sogar länger. Auf diesem Weg werden mehr Menschen indirekt als durch Impfung immunisiert. Jedoch können OPV-Impfviren mutieren und erneut neurovirulent werden. Die impfstoffabgeleiteten Polioviren (Vaccine Derived Poliovirus, VDPV) können zu den gleichen Symptomen wie WPV führen, z. B. zu aseptischer Meningitis/Enzephalitis oder akuter schlaffer Lähmung (AFP). [1}
Nicht zu unterschätzende Bedeutung der VDPV
Sind der Bevölkerungsimpfschutz und die Surveillance unzureichend, können VDPV sehr lange unerkannt zirkulieren. Die meisten zirkulierenden VDPV (cVDPV) zählen zum Typ 2, da OPV2 anfälliger für Rückmutationen ist als OPV1 und OPV3. [1] Daher hat die WHO nach der Eradikation von WPV2 die globale Umstellung auf einen bivalenten Lebendimpfstoff (OPV1 und OPV3) beschlossen und begonnen, den Einsatz eines inaktivierten trivalenten Impfstoffs (IPV) voranzutreiben. [1]

Polio-Risiko in Europa: Die Gefahr ist (noch) nicht gebannt
Infolge geringer Bevölkerungsimmunität und suboptimaler Effizienz des Impfprogramms besteht u. a. in Rumänien sowie den EU-Nachbarländern Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Ukraine ein hohes Risiko für einen anhaltenden Polioausbruch nach Reimport von WPV oder Auftreten von cVDPV (Stand: 2021). [5] Es wird davon ausgegangen, dass eine Impfquote von > 95 %, basierend auf drei Impfungen in der Altersgruppe 15 Monate, eine Ausbreitung des Poliovirus und damit größere Ausbrüche verhindern kann. Bei Nichterreichen der Quote besteht auch in poliofrei zertifizierten Ländern ein Reinfektionsrisiko. [1]
Wollen Sie wissen, wie hoch die Poliomyelitis-Impfquote in Deutschland ist und ob das Ziel von 95 % erreicht werden konnte? Mehr dazu hier!
Welche Impfstoffe stehen zur Verfügung?
In Deutschland stehen ein trivalenter Polio-Totimpfstoff (IPV) und diverse Kombinationsimpfstoffe zur Verfügung, z. B. Vaxelis®. Sind Kombinationsimpfstoffe verfügbar, empfiehlt die STIKO, diese zu verwenden, um die Anzahl an Injektionen möglichst gering zu halten. [6]
Vaxelis® (DTaP-HB-IPV-Hib) Injektionssuspension in einer Fertigspritze ist indiziert zur Grundimmunisierung und Auffrischimpfung bei Säuglingen und Kleinkindern ab einem Alter von 6 Wochen gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis, Hepatitis B, Poliomyelitis und durch Haemophilus influenzae Typ b (Hib) verursachte invasive Krankheiten, und sollte entsprechend den offiziellen Impfempfehlungen angewendet werden. [7]
Vor der Verordnung eines Arzneimittels lesen Sie bitte die Fachinformation:
- Robert Koch-Institut (RKI). Zum Stand der weltweiten Polio-Eradikation im Jahr 2022. Epid Bull 2022;41:3-8.
- Robert Koch-Institut (RKI). RKI-Ratgeber Poliomyelitis. Stand: 21.05.2021. Abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Poliomyelitis.html [eingesehen am 25.04.2023].
- Nationale Kommission für die Polioeradikation in der Bundesrepublik Deutschland. Leitfaden für Gesundheitsämter zum Vorgehen bei Fällen von Poliomyelitis in der Bundesrepublik Deutschland. Stand: 13.12.2019. Abrufbar unter: https://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/Poliokommission/Dokumente/Dokumente_inhalt.html [eingesehen am 25.04.2023].
- World Health Organization (WHO). Fact sheet poliomyelitis. Stand: 04.07.2022. Abrufbar unter: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/poliomyelitis [eingesehen am 25.04.2023].
- European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Weekly Bulletin. Communicable disease threats report, Week 16, 16 – 22 April 2023. https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-and-data/monitoring/weekly-threats-reports [eingesehen am 25.04.2023].
- Robert Koch-Institut (RKI). Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut 2023. Epid Bull 2023;4:3-68.
- Fachinformation Vaxelis®, Stand: Januar 2023.

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